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Ist Selbstlosigkeit wirklich ein Kompliment?

Selbstlos sein wird schnell als Kompliment verwendet. Aber hat es vielleicht auch einen negativen Effekt bzw. eine negative Auswirkung auf sich selber?

Ich komme darauf, weil ich bei einem Influencer ein Video gesehen habe, wo seine Freunde ihn als besonders toll und selbstlos beschrieben haben. Und das klang so toll. Selbstlos sein. Ich habe es bis dahin auch immer extrem mit etwas Positivem verbunden. Aber als ich das so sah, habe ich mich gefragt, ob ich mich selber auch als selbstlos beschreiben würde? Und die Antwort wäre wohl vor einer Weile noch klar „ja“ gewesen, aber jetzt bin ich mir gar nicht mehr so sicher.

Selbstlosigkeit ist ja nichts anderes, als dass du die Bedürfnisse anderer oder deren Wohlergehen in den Vordergrund stellst. Das machst du ohne einen Mehrwert für dich oder etwas dafür zu verlangen. Manch einer nimmt sogar in Kauf, dass er sich selbst dafür nachteilig behandelt, oder Unannehmlichkeiten hat.

Selbstlos sein kann im Extremfall aber auch die Aufgabe oder Ignoranz der eigenen Bedürfnisse bedeuten. Sich selber nicht so wichtig zu nehmen, wie jemand anderen und sogar seine eigenen Bedürfnisse vollkommen zu ignorieren – zum Vorteil eines anderen, In diesem Fall klingt es sehr nach Selbstaufgabe. Quasi der vollkommene Verlust, auf sich selber zu achten und seine eigenen Warnsignale zu ignorieren.

Und ich glaube genau da stocke ich. Selbstlosigkeit finde ich grundsätzlich schön – im Rahmen. Die nötige Empathie zu haben, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und Mitgefühl zu zeigen. Und das nicht weil man verpflichtet ist, sondern weil man sich selber dazu entscheidet. Selbstlosigkeit, wenn sie einen selber in ein schmerzendes Korsett zwingt oder vielleicht sogar aus der falschen Motivation heraus kommt, ist schwierig und dauerhaft glaube ich nicht machbar. Wenn du nicht wirklich selbstlos handelst und eine Gegenleistung für dein „Opfer“ forderst, bist du schon fast selbstsüchtig – denn du stellst in einer Situation, in der andere Bedürfnisse vielleicht sogar im Vordergrund stellen sollten – deine eigenen langfristigen Wünsche nach vorne und forderst für dich einen zukünftigen Gefallen.

Ich glaube in Partnerschaften oder Freundschaften ist Selbstlosigkeit schon noch etwas tricky. Dann wenn eine Erwartung daran geknüpft ist und ein Ungleichgewicht herrscht. Wenn immer einer seine Bedürfnisse dem anderen zum Wohle zurückstellt. Oder wenn einer so viel mehr gibt, als er bekommt. Da würde ich schon wieder bei der Selbstaufgabe sein und mich fragen, warum? Und wir reden hier nicht von Situationen, in denen Einseitigkeit gegeben ist durch Krankheiten oder anderes.
Ich würde mich als empathisch mit einem Hang zur Selbstlosigkeit bezeichnen. Ich weiss, dass ich auch schon „zurück gesteckt habe“ und die Bedürfnisse anderer vor meine gestellt habe und die falsche Motivation hatte. Ein Quid pro Quo -Gedanken. Oder dass ich meine eigenen Grenzen überschritten habe, um anderen Selbstlosigkeit zu zeigen. Heute versuche ich das ganze etwas ruhiger anzugehen. Ich bin grundsätzlich jemand, dessen Lovelanguage wohl vor allem auch Acts of Services ist. Ich liebe es, für andere mitzudenken, zu unterstützen und Support zu leisten, wo es geht. Aber mittlerweile horche ich in mich hinein und wenn ich merke, die Batterie ist leer, dann kann ich eben auch mal nicht. Das fällt mir wahnsinnig schwer, weil ich durchaus auch das Gefühl liebe, für andere wichtig zu sein. Aber man lernt ja nie aus und so versuche ich aktiv meine eigenen Bedürfnisse zu prioritisieren.

Bleibt die Frage ob Selbstlosigkeit also wirklich ein Kompliment ist. Auch hier würde ich sagen, mit der richtigen Motivation ja. Dort wo selbstlos sein, gewertschätzt und nicht erwartet, wahrgenommen und anerkannt wird, ist es sicher ein Kompliment. Da, wo es erwartet und als selbstverständlich angesehen wird, sollte man definitiv noch einmal genauer hinschauen.

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